Das ist doch retuschiert

Über die Authentizität der Fotografie, erster Teil

Schloss Lichtenberg im OdenwaldEs ist schon erstaunlich, dass in einer Zeit der digitalen Bildbearbeitung und der  Computer Generated Imagery der fotografischen Darstellung immer noch Authentizität von vornherein unterstellt oder teils geradezu empört abverlangt wird – also eine Qualität, die sie in dieser Absolutheit nie hatte.

 

Echtheit, Glaubwürdigkeit, Sicherheit, Verlässlichkeit, Wahrheit, Zuverlässigkeit – das sind die Synonyme, die der Duden dem Wort Authentizität zuordnet. Werte, die wie Leuchtfeuer in einer immer komplexeren Welt helfen sollen, sich zu orientieren. Werte, die helfen sollen, das Echte vom vermeintlich Echten oder der Fälschung zu unterscheiden. Deshalb muss heute alles authentisch schmecken, aussehen … sein. Vielleicht ist das der rettende Strohhalm für viele, die sich von synthetischen Lebensmitteln, alternativen Wahrheiten, Fake News und vielen anderen zweifelhaften Umständen eingekreist fühlen.

Ein bedeutender Informationsträger wie die Fotografie steht dabei natürlich ganz besonders im Fokus der Betrachter. Einerseits wird sie als Beweis der absoluten Wahrheit betrachtet, andererseits wittert man Manipulation. Beides stellt dieses Medium an sich aber völlig unbegründet unter Generalverdacht. Aber warum ist das so? Warum verbindet man automatisch Fotografie und Authentizität?

 

Das Missverständnis

Seit ihrer Erfindung wird der Fotografie nachgesagt, sie sei nichts weiter als die apparative Kopie der Wirklichkeit. Baudelaire sprach ihr völlig ab, Kunst zu sein und erklärte Fotografen zu talentlosen, faulen Malern. Nun haben sicherlich nur die wenigsten Menschen auf der Welt diese scharfzüngige Diffamierung des Mediums zur Kenntnis genommen, aber dennoch findet sich darin ein Hinweis darauf, wie Menschen die Fotografie wahrnehmen – als apparative Kopie der Wirklichkeit eben.

Bis heute bescheinigen die Leute einer Maschine geradezu überragende Fähigkeiten und behaupten: „Die Kamera macht gute Bilder“. Die Maschine macht also das Foto. Und dann muss Inhalt des Fotos auch wahrhaftig sein, denn eine Maschine lügt nicht. Warum sollte sie auch.

In Folge dessen ist so etwas wie ein Urvertrauen in die Fotografie bei den Betrachtern fest verankert und damit in die Authentizität ihres Inhaltes – ganz im Gegensatz zu Malerei und Zeichnung.

Nehmen wir ein Beispiel: Das Portrait eines Mannes mit einer ziemlich ausgeprägten Hakennase, möglichst realistisch verewigt – einmal von einem Zeichner und dann von einem Fotografen. Die Betrachter der Zeichnung könnten sich folgendermaßen äußern: „Bei der Nase hat der Zeichner aber schon etwas übertrieben.“ Die Betrachtung des Fotos würde nie zu dieser Bewertung der Darstellung führen, eher zu: „Mir ist nie aufgefallen, dass der so eine Hakennase hat.“

Die Leistung des portraitierenden Künstlers wird angezweifelt, die der Maschine aber nicht. Pinsel und Stift sind eins mit dem Künstler, die Kamera aber wird aber nur durch einen Maschinisten bedient. Folglich verzeiht man Maler und Zeichner auch den künstlerischen, freien Umgang mit der Realität und „die Größe der Hakennase“. Denn er stellt die Welt ja nur da, wie er sie sieht. Und das muss man ja nicht glauben, der Fotografie aber schon.

Wittert man aber Manipulation in einem Foto, ist man empört. In der vordigitalen Zeit wurde das beispielsweise gern mit dem Spruch „Das ist doch retuschiert“ abqualifiziert. Der Fotograf wird zum Betrüger, denn der Betrachter fühlt sich in seinem Anspruch an die Wahrheit der Fotografie verraten.

Nun kommen Fotografie und auch Film bis heute sicherlich der Abbildung des Wirklichen am nächsten, doch authentisch waren beide zu keiner Zeit und werden es auch nie sein. Und das hat vielfältige Gründe.

 

Die Kamera ist (nur) ein Werkzeug

 Allein durch technische Beschränkungen konnte die Fotografie von Anfang an nicht authentisch sein. Wie wirklichkeitsnah waren denn spiegelverkehrte Daguerreotypien, Landschaften in Schwarzweiß oder bedingt durch ultralange Belichtungszeiten menschenleere Boulevards.

Später nimmt zwar die Abbildungsqualität zu, nicht aber die Authentizität. Denn die entscheidende Größe ist immer der Fotograf. Er beeinflusst bereits vor der Aufnahme das Ergebnis durch die Wahl der Kamera und des Aufnahmematerials – auch in digitalen Fotografie. Während der Aufnahme trifft er eine Reihe weiterer komplexer Entscheidungen, die alle das entstehende Bild ausmachen werden. Er wählt den Aufnahmestandort, definiert den Bildausschnitt durch die Wahl der Brennweite und entscheidet, wann er den Auslöser betätigt. In der folgenden Bildbearbeitung geht es dann munter weiter: Hochformat oder Querformat? Harte Kontraste oder weiche Grauabstufungen? Und so weiter und so weiter.

Die Kamera ist also das Werkzeug des Fotografen, so wie Zeichenstift oder Pinsel Werkzeuge des Zeichners sind. Er nutzt dieses Werkzeug um Bilder zu erzeugen, die den Betrachtern von ihm bestimmte Informationen vermitteln und Gefühle und Reaktionen verursachen. Die Authentizität eines Fotos resultiert also aus der Absicht des Bildschaffenden.

Ob das Ergebnis aber von den Betrachtern des Bildes als authentisch empfunden wird, steht auf einem ganz anderen Blatt. Darüber demnächst mehr.

(Zum Titelbild: Einige Betrachter waren und sind der Meinung „dieses Bild sei nicht echt“. Deshalb habe ich es ausgewählt. Hier die Details: Mein Foto zeigt Schloss Lichtenberg im Odenwald. Die Aufnahme entstand digital und wurde anschließend von mir in Photoshop bearbeitet. Die Arbeitsschritte dabei umfassten die Umwandlung in Schwarzweiß und dann Vor- und Nachbelichtungen wie im analogen Print-Prozess, um die Kontraste in beabsichtigter Weise zu erzielen.

Ich habe diese Fotografie absichtlich so angelegt, da mir die starke Präsenz des Schlosses – bedingt durch die weiße Fassade – in der Landschaft seit vielen Jahren gegenwärtig ist. Und das wollte ich zeigen. Es ist also echt hinsichtlich meiner Intention, ob es Betrachter nun als wirklichkeitsgetreue Abbildung des Schlosses wahrnehmen, hängt von deren ganz persönlichen Erfahrungen und Bildung ab.)

Fotografie: Thomas Hobein

(Beim Schreiben u.a. gehört: „Take a photo“ von Filter)


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