Zwei weiße Golfbälle

Über die Authentizität der Fotografie, Teil 2

Von Pablo Picasso stammt das Zitat: „Wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen.“ Und im Zusammenhang mit diesem Künstler ist die Redensart „Á la Picasso: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ entstanden. Dieser Spruch wird immer gern offensiv in den Raum geworfen, wenn ein Kunstwerk nicht verstanden wird und der Betrachter sich keine Blöße geben will. Aber eigentlich manifestiert ein solcher Moment nur, dass Künstler und Betrachter aneinander vorbeireden. Und solche Momente gibt es eben auch in der Fotografie.

Dieses „Recht auf hundert Wahrheiten“ hat aber nicht nur Picasso (hier stellvertretend für alle Bildschaffenden), sondern auch der Betrachter, der in einer realitätsnahen Fotografie zusätzlich noch Authentizität voraussetzt. Dabei ist schon diese dem Foto unterstellte Wahrheit, eine sehr persönliche Angelegenheit des Betrachters. Sie setzt sich nämlich nicht nur aus dem zusammen, was das Bild zeigt, sondern aus den Erfahrungen der Rezipienten, ihrer Bildung und ihrer ganz eigenen Sicht auf die Welt.

 

Noch einmal Picasso: „Alles, was du dir vorstellen kannst, ist echt.“

Die Fotografie hat seit ihrer Erfindung maßgeblich dazu beigetragen, dass die Menschen sich das Bild einer Welt machen konnten, die sie persönlich nicht bereist oder gesehen haben. Aber es ist eben nur ein Bild. Und wie wahr ist dieses Bild tatsächlich?

Ein Kollege hat mir einmal folgende Geschichte erzählt. Als Kind hatte er Vittorio de Sicas Film „Fahrraddiebe“ gesehen und danach die armen Italiener bedauert. Denn die waren seiner Ansicht so arm, das sie sich – wie er dem schwarzweißen Film entnommen hatte – keine Farben leisten konnten. Sein Bild von Italien war schwarzweiß. Nun kann man über diese kindliche Betrachtung lächeln. Aber warum ist man heute noch enttäuscht, wenn der Himmel über unserem Urlaubsort, nicht so blau ist, wie auf den Fotos auf der Website? Warum nimmt man die via Photoshop verlängerten Beine der Models für bare Münze, die superglatte Haut und aufgepumpten Oberweiten? Und warum begibt sich eine zunehmende Anzahl von Menschen in Operationssäle, um diesen Bildern möglichst genau zu entsprechen?

Der Grund dafür liegt in diesem auf einem Missverständnis (siehe im vorhergehenden Teil der Serie) beruhenden Urvertrauen in die Authentizität der Fotografie, dass fest im kollektiven Bewusstsein verankert ist. Dazu kommt, dass man die Models ja schließlich nicht leibhaftig kennt und vielleicht auch noch nie in Italien war. Dann versucht das Gehirn eben die fehlenden persönlichen Erfahrungen zu ersetzen. Sachverhalte werden wahr, wenn man sie für möglich hält und glauben will. Und noch weiter: Man begibt sich in den Operationssaal, um dieser Wahrheit selbst zu entsprechen.

Aber: „ Das Auge ist blind für das, was der Geist nicht sieht,“ heißt es in einem Aufsatz des Fotografen Albert Renger-Patzsch. Tatsächlich kann das Gehirn nicht alles in sich selbst googeln. Was nicht da ist, kann auch nicht gefunden werden. Und bestimmte Such-Ergebnisse, etwa aus religiöser, politscher oder ästhetischer Überzeugung, werden gar nicht oder nicht wohlwollend in die Überlegungen einbezogen. In Folge dessen werden Bilder nicht verstanden, als unwahr und manipuliert oder als nicht schön eingestuft. Jetzt kann man sich natürlich auf diese Position zurückziehen und solche Bilder kritisieren oder gemäß „á la Picasso …“ bagatellisieren;  Betrachter, die Bilder aber verstehen und vielleicht sogar kommentieren wollen, müssen schon etwas mehr leisten.

 

Das Betrachten von Fotografien ist ein aktiver Prozess

Fotografie ist eine visuelle Sprache. Und diese Sprache muss nicht nur derjenige beherrschen, der sie – hier mit Licht – schreibt, sondern auch derjenige, der sie liest. Sonst bleibt das Bild wie ein Buch, das in einer fremden Sprache geschrieben wurde und so vom Leser nicht auf den Wahrheitsgehalt überprüft werden kann.

In der Auftragsfotografie werden sich die Bildschaffenden in der Regel einer Bildsprache bedienen, die von der anvisierten Zielgruppe verstanden wird und die kommerzielle Portrait-Fotografie wird versuchen zu gefallen. Schließlich will man in beiden Sujets Erwartungen erfüllen beziehungsweise erwecken, zumindest aber verstanden werden. Die Authentizität der Bilder findet sich hier in der klaren Botschaft der Bildinhalte, nicht aber unbedingt in dem was und wie etwas abgebildet wird.

Aber schon im Grenzbereich zur Kunst beginnen die Fotografien freier zu plaudern, transportieren komplexere Botschaften und fordern ein genaueres Hinsehen, um dechiffriert zu werden. Die Authentizität liegt hier rein in der Absicht der Bildermacher und wird nicht mehr von jedem nachvollzogen.

Vom Foto-Journalismus hingegen wird die objektive Wahrheit gefordert und nichts als die Wahrheit. Dabei stellt sich dieselbe abgebildete Situation schon völlig anders dar, wenn der Journalist mit seinem 35mm Objektiv mitten im Geschehen agiert oder wenn er es mit einer langen Brennweite aus der Ferne aufnimmt. Gelogen ist keine der beiden Abbildungen, die kurze Brennweite verstärkt nur in der Regel die emotionale Kraft des Bildes. Aber vertragen sich Emotion und objektive Wahrheit überhaupt? Kommt man der Wahrheit durch eine distanzierte Sicht wirklich auf die Spur?

 

Wer entscheidet am Ende, was wahr ist?

Nun, das entscheidet jeder Betrachter für sich allein – zuerst bewusst oder unbewusst auf Basis gelernter allgemein zugänglicher Informationen und kultureller Konventionen. Und dann auf eine sehr persönliche Weise, die durch individuelle Erlebnisse und Erfahrungen bestimmt wird und entsprechend zu einer eigenständigen Bewertung der Fotografie führen kann.

Was jemanden dazu führt, ein Bild als authentisch wahrzunehmen, entspricht also auch seiner Sicht auf die Welt, seines Wissens und der Ausgewogenheit seines Vertrauens und Zweifels gegenüber seinen Mitmenschen.

Abschließend sei noch gesagt, dass all das vor Betrug nicht schützt. Beispielsweise erzählte Fotograf und Spiegel-Redakteur Thomas Höpker in einem Vortrag , dass nach der US-Invasion der Karibik-Insel Grenada im Oktober 1983 zuerst durch die Militärs aufgeräumt wurde bevor Journalisten die Insel betreten durften – keine Chance für eine authentische Berichterstattung. Das berühmteste Beispiel ist aber sicherlich der „Fallende Soldat im Spanischen Bürgerkrieg“ von Robert Cappa. Ein Blick auf die Kontaktabzüge zeigt deutlich, dass Mann einige Tode gestorben ist, bevor der Fotograf zufrieden war.

Waren die Möglichkeiten der analogen Fotografie schon immens, „die hundert Wahrheiten“ eines Themas zu visualisieren, so sind sie im Zeitalter des digitalen Bildes schier unbegrenzt.Darüber mehr demnächst im nächsten Teil des Artikels.

(Das analoge Bild „Zwei weiße Golfbälle“ entstand im Winter 1985/86 im ersten Semester meines Studiums an der FH Darmstadt – heute HDA. Belichtet habe ich es mit einer 35 mm SLR Kamera des Typs Canon EF,  Brennweite 100 mm, auf AGFA Pan 100 SW-Negativ-Film. Für diesen Artikel habe ich das Kleinbild-Negativ eingescannt und den Bildausschnitt bestimmt. Eine weitere Bearbeitung fand nicht statt. Die Verschiebung der Tonwerte ist das alleinige Ergebnis der Beleuchtung während der Aufnahme. Ausgewählt habe ich es, weil es noch heute dazu führt, dass selbst einige Fotografen das Bild stirnrunzelnd betrachten und der Wahrheit nicht auf die Spur kommen.)  


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