Alles eine Frage der Gradation

Ein Plädoyer für mehr Zwischentöne

Als ich den Auftrag annahm das Team der Darmstädter Firma Freisicht für deren Website zu portraitieren, hatte ich die Freiheit einen Look vorzuschlagen. Ich entschied mich für klassische Schwarzweißfotografie – sicher aus design-strategischen Gründen, aber insbesondere auch um zwei gegenwärtigen Tendenzen entgegenzutreten: der profillosen Gleichmacherei und der selbstgerechten Oberflächlichkeit. 

  

Während in Gesellschaft und Politik die Schwarzweißmalerei gerade sehr populär, wenn nicht gar populistisch ist – befindet sich die Schwarzweißfotografie auf einem Sinkflug in die Bedeutungslosigkeit. Beides ist in der Tat sehr bedauerlich.

In der privaten wie öffentlichen Diskussion werden echte Inhalte heute wie Pickel von plakativer Gehaltlosigkeit brutal ausgedrückt. Zurück bleibt ein möglichst grelles Zerrbild, das Kontraste betont. Nähe oder Gemeinsamkeiten werden einfach gewissenlos durch reines Weiß oder tiefes Schwarz übertüncht. Erzeugt wird das Bild  einer harten Welt, die keine Widersprüche duldet.

Vielleicht ist diese Einstellung auch ein Grund für den Niedergang der Schwarzweißfotografie. So wie niemand mehr genau hören will, was der anderes sagt, will möglicherweise auch niemand mehr genau hinsehen. Aber genau das ist das Wesen der Schwarzweißfotografie. Da liegen ihre Vorteile.

Sie kann Formen differenziert herausarbeiten, ohne sich zu verlieren. Gerade durch ihre achtsame Annäherung kommt sie dem Wesentlichen auf die Spur, arbeitet so Charaktere sorgsam heraus und erzeugt das Bild einer vielschichtigen, ineinander verwobenen Welt.

Bei alledem ist das zentrale Stichwort die Gradation (lat. Errichtung von Abstufungen). Sie ist gleichermaßen ein rhetorisches wie fotografisches Stilmittel. In ihr schlägt man die Tonart an und ihr definiert man, was man offenbart, betont und auch verschweigt. Sie gibt Zwischentönen Raum oder verbannt sie ins Nichts. In der Gradation der bespielhaften Abbildungen zeigt sich, wie dosiert man dabei zu Werke gehen kann.

Dieses Plädoyer für mehr Zwischentöne anhand monochromer Fotografie will übrigens auch nicht der Welt die Farbe rauben. Im Gegenteil: Meine Welt ist bunt, wie Fred Bertelmann einst sang. Mir ist aber wichtig, den Dingen auf den Grund zu gehen, die leisen Töne zu hören und im Verborgenen Möglichkeiten und Chancen zu finden. Und dann in der angemessenen Gradation darüber zu reden – fotografisch wie rhetorisch. Und da ist Schwarzweiß eine eloquente Methode, jedenfalls in der Fotografie, nicht aber in der Rhetorik.

Vielen Dank an Dirk Hoppmann von Freisicht in Darmstadt für die Möglichkeit, diese Bilder zu machen und dann noch darüber zu schreiben.

Beim Schreiben u.a. gehört: „The Heart Of The Matter“ von Rupert Hine)

 


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