Portraitfotografien von Jörg Steinmetz

Die berühmte Fotografin Giesèle Freund sagte einst: „Es ist die Aufgabe des Fotografen, die Angst vor der Kamera zu nehmen.“ Und genau das tut Jörg Steinmetz.

Anfang 2021. Eine Freundin sah ein Buch auf meinem Schreibtisch liegen, sie nahm das Buch in die Hand, blätterte es aufmerksam durch und sagte, dass sie es schön fände – dieses Buch voller Portraitfotografien. Darauf fragte ich sie, ob ihr aufgefallen sei, dass keine der portraitierten Personen in gewohnter Weise in die Kamera blickt, also sie als Betrachterin ansieht. Stille. Sie nahm das Buch erneut in die Hand und sagte nach einer Weile: „Stimmt.“

JoergSteinmetz__TheNakedNow___Jonas-Ratermann___©joergsteinmetz.com__72

Das Buch im Format einer Langspielplatte heißt „The Naked Now“ und ist der dritte Band mit Portrait-Fotografien des Frankfurter Fotografen Jörg Steinmetz. In einem der interessantesten Essays zur Fotografie, die ich letzter Zeit gelesen habe, kommentiert – oder besser – beschreibt Wim Wenders am Ende des Buches die Dreierbeziehung zwischen den Fotografierten, dem Fotografen und den Betrachtenden. Schon der Titel des Essays „Der abgewandte Blick“ fasst treffend zusammen, was man bei der Betrachtung der Portraits erlebt.

JoergSteinmetz__TheNakedNow___Dottie-»Pearl«-Andersson___©joergsteinmetz.com_72

Jörg Steinmetz fotografiert nicht Menschen, er lernt sie kennen

JoergSteinmetz__TheNakedNow___Aliya-Pachmann___©joergsteinmetz.com_72

Tatsächlich baut keine der portraitierten Personen einen wirklichen Blickkontakt mit dem Fotografen und damit mit dem Betrachter der Bilder auf. Im Gegenteil. Sie sehen weg, sind von hinten zu sehen, entziehen sich durch Bewegung einer genauen Betrachtung und selbst wenn sie in Richtung der Kamera sehen, blicken sie in eine entfernte Gedankenwelt tief in sich selbst.

In seinen Portraits geht es Steinmetz nicht in erster Linie darum, wie die abgebildete Person aussieht. Er will sie kennenlernen, wissen, was sie denkt und fühlt. Anders ausgedrückt: Dieser Fotograf will sich ein Bild von einem Menschen machen und ihn eben nicht nur abbilden.

In einem früheren Artikel habe ich Jörg Steinmetz als Beziehungstäter bezeichnet und das muss er wohl auch sein. Schließlich gelingt ihm, was Gièsele Freund fordert. Er nimmt den Menschen die Angst vor der Kamera. Sie vertrauen ihm und gönnen sich in seiner Gegenwart und der seiner Kamera für einige Momente Kontrollverlust; lassen die Maske fallen und offenbaren den Menschen dahinter – sich selbst.

Dieses Vertrauensverhältnis aufzubauen gelingt dem Fotografen unter anderem dadurch, dass er sich nicht hinter der Kamera oder aufgeblasener Fototechnik versteckt. Formalismen treten in den Hintergrund. Er setzt auf pure Emotion. So begegnen sich Fotograf und Portraitierte auf Augenhöhe. Sie bauen eine Beziehung auf und entscheiden, wie weit sie dabei gehen. Die Portrait-Sitzung wird so zu einem Treffen unter Freunden oder unter Menschen, die bereit sind Freunde zu werden.

JoergSteinmetz__TheNakedNow___Teresa-Diehl___©joergsteinmetz.com__72

Im ersten Augenblick des Kennenlernens sieht man sich an, will genau ergründen, wie das Gegenüber aussieht, denkt, fühlt. Man will Verbindung aufbauen, aber auch beeindrucken und kontrollieren. Sich abzuwenden, wegzusehen oder auch nur eine kurze gedankliche Abwesenheit führen zum Bruch. Kennt man sich besser und hat Vertrauen aufgebaut, ist der permanente Blickkontakt nicht mehr notwendig. Das Echte tritt wie in den vorliegenden Fotografien gelöst zu Tage. Und dass Jörg Steinmetz dies nachhaltig gelingt, beweist die Tatsache, dass einige der Portraitierten sich mehrfach auf diese Situation eingelassen haben.

Noch kurz einige Gedanken zur Buchgestaltung

JoergSteinmetz_TheNakedNow

Überhaupt tut es in der heutigen Zeit gut, ein sauber gestaltetes Buch aus sorgfältig ausgesuchten Materialien in der Hand zu halten. Und ganz besonders dann, wenn es auf anbiedernde Plattitüden verzichtet, dabei seiner Idee treu bleibt und auf die Liebe zu Details nicht verzichtet – wie zum Beispiel, den Verzicht auf „too much information“. So fehlen die Bildunterschriften neben den Portraits überhaupt nicht. Vielmehr ergänzt so die Gestaltung des Buches das fotografische Konzept. Die Betrachtenden müssen sich mit den abgebildeten Menschen vorurteilsfrei auseinandersetzen, nicht mit deren Ruhm oder deren Berufung.

JoergSteinmetz_TheNakedNow

Und dann gibt es irgendwo im Buch voller Portraits einzelner Menschen so etwas, wie den flüssigen Kern in einem Schokoküchlein – die zärtliche Begegnung einer jüngeren und einer älteren Frau. Tochter und Mutter umarmen sich, als hätten sie sich lange nicht gesehen. Jörg Steinmetz lässt uns an diesem intimen Moment ohne jegliche voyeuristische Sensationslust teilhaben. Auch hier reduziert er sich auf die Emotionen. Ganz so, wie auf allen Fotografien in diesem Buch.

So, wer nun vielleicht gerade ein ausgefallenes Geschenk sucht – auch für sich selbst –, der sollte über dieses Buch nachdenken, denn so eins habt ihr noch nicht.

JoergSteinmetz__TheNakedNow___EsmaGohdhbani___©joergsteinmetz.com_72__

Das Buch ist Buchhandel erhältlich oder direkt bei Jörg Steinmetz zu bestellen: office@joergsteinmetz.com

Jörg Steinmetz, The Naked Now, Portraits III
44 Photographien in Duoton und Farbe
mit einem Text von Wim Wenders (dt. und engl.)
96 Seiten, 30,6 x 30,6 cm
Leinenband mit Schutzumschlag
€ 44,00
ISBN 978-3-9821835-2-7