Die Halloween-Comic-Special-Empfehlung

Ob Mary Shelley je die Burg Frankenstein erblickt oder gar besucht hat wird unter Fachleuten heiß diskutiert. Die einen sagen „Nein“, die anderen auch. Dem britischen Autor Warren Ellis war das egal und er hat einfach mal so getan, als ob.

Wir schreiben das Jahr 1816. Es wird als „das Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte eingehen oder auch als „Achtzehnhundertunderfroren“. Hauptsächliche Ursache für diese Klimakatastrophe ist wohl der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora.

Inmitten dieser Wetterkapriolen ist Mary Wollenstonecraft Godwin, die spätere Mary Shelley, auf der Reise in die Schweiz. Sie reist in Begleitung, des Dichters Percy Shelley, ihres Geliebten, und ihrer schwangeren Stiefschwester Clair Clairmont. Ihr Ziel ist der Genfer See, wo sie Lord Byron besuchen wollen. Doch die Reise ist noch weit als sie die Burg Frankenstein erreichen. Im Gegensatz zu ihren Reisegefährten ist Mary fasziniert von der Ruine, die sie allein betritt und Unheimliches erlebt.

Denn sie wird in dem als verlassen geglaubten Gemäuer bereits erwartet – von dem Monster, das sie erst viel später in ihrem Roman erschaffen wird. Und dieses namenlose Monster, zusammengesetzt aus Leichenteilen und mittels Elektrizität belebt, nimmt sie mit auf eine Reise durch Zeit und Raum. So wie der alte Scrooge in Dickens Roman „A Christmas von den Geistern der Weihnacht dorthin geführt wird, wo das existiert, was war, ist und sein wird, führt der Namenlose sie durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Dabei wird sie zur Zeugin ihrer eigenen Geburt und erblickt so erstmals das Gesicht ihrer Mutter, die kurz nach der Niederkunft verstarb. Sie trifft aber nicht nur ihre Mutter, die Vorkämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen, Mary Wollenstonecraft, und ihren Vater William Godwin, den Begründer des Sozialismus und des politischen Anarchismus; vor allem trifft sie Conrad Dippel, den deutschen Theologen, Arzt, Anatomen und Alchemisten, der auf Frankenstein geboren wurde. Mary erlebt seine Experimente und den Segen der „Elektrizität“. Doch seht und lest selbst.

Warren Ellis, Nicht-Comic-Lesern vielleicht durch die Verfilmung seines Comics „RED“ mit Bruce Willis bekannt, schickt „seine Mary Godwin“ unbarmherzig durch ein Labyrinth aus Geburt, Schicksalsschlägen und Tod, um sie in „Frankenstein’s Womb“ (Uterus, Gebärmutter) zu dem Buch zu inspirieren, durch das sie als Mary Shelley berühmt werden wird: Frankenstein oder der moderne Prometheus.

Routiniert in Szene gesetzt hat die Geschichte der polnische Comiczeichner Marek Oleksicki in harten Schwarz-Weiß-Kontrasten. Eine gewisse Ähnlichkeit der dargestellten Architektur der Burg lässt vermuten, dass er sich zumindest Fotos davon angesehen hat.

Exkurs: Eine ganz andere, aber nicht weniger heftige Interpretation, der Entstehungsgeschichte des Romans von Shelley gibt übrigens der Film „Gothic“ von Ken Russell zum Besten(die Rockoper Tommy ist auch von ihm inszeniert worden).

„Frankenstein’s Womb ist bereits vor einigen Jahren im US-Verlag Avatar Press erschienen und nur in englischer Sprache erhältlich. Der Naaman hält in seinem Comic Cosmos immer einige Exemplare bereit und empfiehlt mit Nachdruck diese gefälligst auch zu kaufen.

Frankenstein's Womb

© Avatar Press

 

 

 

 

 

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05.03.2015

See you in Macao

So beendete Karl-Heinz Borchert die Vorworte seiner für Deutschland bahnbrechenden Comic-Anthologie-Reihe, die er zwischen 1985 und 1991 in sechs Bänden herausgab. Nach dreißig Jahren ist es Zeit für eine kurze Würdigung dieses immer noch frisch wirkenden Projekts.

Als ich im Comic-Magazin Alfonz (Ausgabe 1/2015) in der Rubrik „Was macht eigentlich …“ auf Karl-Heinz Borchert“ gestoßen bin, führten mich die nächsten Schritte direkt an mein Bücherregal. Es war Zeit, mal wieder zu schauen, was in Macao damals so los war.

Denn es war wahrhaft abenteuerlich, was der Herr Borchert dem Comic-Entwicklungsland Deutschland da zumutete und ganz bestimmt nicht für ein Massenpublikum geeignet – bis heute nicht. Aber alle, die eine anspruchsvolle Lektüre bevorzugen, werden belohnt, wenn sie sich auf Macao einlassen – auch heute noch.

Es sind ausschließlich schwarzweiße Comicwelten, die zwischen den Buchdeckeln der Reihe zu finden sind. Die Geschichten entstammen allen möglichen Genres, sind meisterhaft erzählt und grafisch erstklassig in Szene gesetzt. Die Namen der Autoren und Zeichner lesen sich wie das Who’s who der Comic-Elite. So wird der Besuch in Macao für interessierte Leser/innen zu einem fantastischen Rundgang durch die Welt grafischer Erzählungen, von denen die meisten heute das Label „Graphic Novel“ tragen würden. Chapeau Herr Borchert.

Um einen Eindruck zu vermitteln, welche grafische Qualität und Vielfalt in der Reihe versammelt waren, habe ich die Namen der Zeichner mit Websites verlinkt, die einen recht guten Einblick in deren Stil geben(mit dem Inhalt der verlinkten Seite habe ich allerdings nix zu tun).

 

Macao_1Band Eins:

„Torpedo 1936“ von Jordi Bernet und Sanchez Abuli

„Die Wüstenskorpione“ von Hugo Pratt

„Terry und die Piraten“ von Milton Caniff

„Der Schamane“ von Ab’Aigre und Frank Giroud

„Die Schaukel der Verlierer“ von Jacques Tardi

 

 

Macao_2Band Zwei:

„Jesse Bravo“ von Alex Toth

„Johnny Focus“ von Attilo Micheluzzi

„Modesty Blaise“ von Jim Holdaway und Peter O’Donnel

„Alack Sinner“ von José Munoz und Carlos Sampayo

 

 

 

Macao_3Band Drei:

„Der Rote Baron“ von Joe Kubert und Robert Kanigher

„Im Sudan“ von Sergio Toppi und Mino Milani

„Buz Sawyer“ von Roy Crane

„Das Spiel“ von Chris Scheuer

„Jerry Spring“ von Jijé

 

 

Macao_4Band Vier:

„Der Träumer“ von Will Eisner

„Der Käfig“ von Hermann

„Garth“ von Frank Bellamy und Jim Edgar

„Heart-Break“ und „Die schwarze Mappe“ von Götting

 

 

 

Macao_5Band Fünf:

„Das Pepper Lake Monster“ und „Die schwarze Katze“ von Bernie Wrightson

„Der Wolf und sein Junges“ von Goseki Kojima und Kazuo Koike

„Rip Kirby“ von Alex Raymond

„Alvar Major“ von Enrique Breccia und Carlos Trillo

„Mausoleum“ und „Die weinende Seele“ von Frederic Bezian

 
Macao_6Band Sechs:

„Rebecca“ von Anna Brandoli und Renato Queirolo

„Geheimagent Corrigan“ von Al Williamson und Archie Goodwin

„Evaristo“ F. Solano Lopez und Carlos Sampayo

„Der Weg zum Pazifik“ von Dino Battaglia und Mino Milani

 

 

Wer also anspruchsvolle Comics lesen will – und das sowohl in grafischer als auch erzählerischer Hinsicht – sollte zugreifen. Antiquarisch sind alle sechs Ausgaben noch gut zu bekommen und als Softcover bis auf den ersten Band auch gar nicht teuer.

Alle sechs Bände erschienen als Hardcover, die ersten fünf auch als Softcover. Zusätzlich erschien der Sonderband „Torpedo 1936“ von Bernet und Abuli.

See you in Macao.

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Fieber in Urbicand von Schuiten und Peeters

Eugen Robick hat ein Problem. Die Symmetrie ist in Gefahr. Die Symmetrie seines Entwurfes der Stadt Urbicand. Denn der Stadtrat verweigert ihm – dem berühmten Urbatekten Eugen Robick – den Bau, der für ein symmetrisches Stadtbild so notwendigen, dritten Brücke. Robick ist außer sich. Und das ist erst der Anfang.

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