Zurück in die Zukunft mit René Spalek


Es ist nur wenige Jahrzehnte her, dass Städteplaner und Architekten aus Offenbach am Main eine Stadt der Zukunft machen wollten. Entschlossen gingen sie zu Werk, ließen unter den Augen der Welt ihre Ideen Realität werden und scheiterten letztendlich doch. Heute ist bereits vieles, das an dieses Projekt erinnert, wieder aus dem Stadtbild verschwunden. Doch bevor der Rückbau begann hat sich der Fotograf René Spalek am Ende der achtziger Jahre intensiv mit der Architektur der Offenbacher Innenstadt beschäftigt. Betrachtet man heute die dabei entstandenen Fotografien, erhält man einen recht guten Eindruck davon, was Offenbach hätte werden können.

Über die Funktion der Kamera als Zeitmaschine wurde bereits viel nachgedacht und auch geschrieben. So sprach beispielsweise der französische Fotograf Lartigue davon, durch das Fotografieren der Zeit den Augenblick zu stehlen. Aber hier bietet sich dem Betrachter weit mehr als die Möglichkeit einen in der Vergangenheit festgehaltenen Moment zu erleben. Denn hier beinhaltet der Blick zurück zusätzlich das fragmentarische Bild einer einst möglichen Zukunft.

spalek_1Jetzt mag der eine oder andere sagen, dieser „Effekt“ hat sich automatisch durch die Abfolge der Geschehnisse ergeben – also Realisierung der städteplanerischen Ideen, Erstellung der Fotografien, Rückbau der abgebildeten Objekte ­–, aber so einfach scheint es mir nicht zu sein. Natürlich wäre ohne die Historie diese spezielle Lesart der Bilder nicht möglich, aber der Schlüssel liegt in der Machart der Fotografien.

Und die basiert auf einem glücklichen Umstand: Denn als René die Bilder fotografierte, konnte er nicht wissen, dass viele der Objekte bereits dem Untergang geweiht waren. Ich bin auch sicher, dass er in anderem Fall andere Bilder hätte entstehen lassen. Bilder in denen sich das Drama um den bevorstehenden Rückbau angekündigt hätte.

So hat er beim Fotografieren keine Partei ergriffen, sondern nüchtern und formal streng dokumentiert, was er sah. Unterstrichen wird diese, zugegeben vermeintliche, Objektivität noch durch das inzwischen seltener werdende quadratische Bildformat der Schwarzweiß-Fotografien. Starke Kontraste und klare Linien betonen die Ernsthaftigkeit des fotografischen Anliegens. Und wahrscheinlich macht die Abwesenheit von Farben, die ja immer stark dem jeweiligen Zeitgeist unterworfen sind, die Zeitsprünge beim Betrachten erst möglich, da so nur wenig Hinweise auf den Zeitraum der Entstehung gegeben werden.

spalek_2 spalek_6 spalek_5 spalek_3 spalek_4Unter dem Titel „Offenbach Places“ wurde die beschriebene Serie von René Spalek 2012 als Buch veröffentlicht und ist erhältlich als blurb e-book.

Momentan ist eine Ausstellung der Serie „Offenbach Places“ im Rahmen des Projekts „Die Wohnung“ für das Frühjahr 2014 in Vorbereitung.

René Spalek lebt und arbeitet auch heute noch in Offenbach am Main. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Architektur- und People-Fotografie. Gerade ist seine aktuelle Serie „Stadt, Land…Haus“ als Teil des Bildbandes „Offenbach Ansichten“ erschienen. Und hier wirft er einen ganz anderen Blick auf Offenbach am Main.

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  1. Wolfgang

    Danke für den interessanten Artikel und Herrn Spalek für die Fotografien. Sie haben einige vage Erinnerungen an OF aus Besuchen in meiner Kindheit aufgefrischt.
    Auf die Ausstellung freue ich mich schon jetzt!
    (À propos Moderne Zeiten…) Gruß aus der Straßenbahn Linie 7

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