Mit Diana und Holga auf Rügen

Wer Ende Oktober/Anfang November seinen Urlaub an der Ostsee verbringt, wird von den meisten sicher als Debil-Fundamentalist eingestuft. Denn da ist es nass, kalt und windig. Eins davon aber immer. Da kann man nicht am Strand rumlümmeln, um seinen Bauch zu bräunen. Da schmilzt dein Nogger nicht schneller als du es essen kannst. Da bleibt das Verdeck deines Cabrios geschlossen und die Sitzheizung aktiviert.

Und wer dann seine Urlaubsabenteuer noch mit analogen Spielzeugkameras namens Holga und Diana auf längst abgelaufenen Filmen festhält, der ist für viele sicher des Wahnsinns geiler Kofferträger. Tatsächlich ist aber alles ganz anders.

 

Wer seine Sommerfrische in den Spät-Herbst auf Rügen verlegt, der lässt es ruhig angehen. Der rechnet mit Wetterkapriolen jeglicher Art. Der blickt gelassen auf Herbststürme, Regen und Hagel. Der trinkt erst einmal einen Grog, wenn er eine Stunde an der Fahrkartenausgabe auf die Überfahrt nach Hiddensee gewartet hat, ohne dass sich jemand vom Personal erbarmt ihm zu sagen, dass die Fähre ausfällt. Der umklammert beim Fotografieren auch mal einen Laternenmast damit der Sturm die Aufnahme nicht verwackelt. Der liest in der warmen Ferienwohnung am Hafen ein Buch während sich draußen Wind und Ostsee völlig verausgaben. Der quatscht bis tief in die Nacht mit dem ältesten Gastwirt der Insel über Labskaus und Wendehälse.

 

Der freut sich darüber, dass er sich niemals über das Versagen der Kameratechnik aufregen muss. Denn irgendetwas geht garantiert schief. Entweder transportiert der Film nicht richtig, es fällt Licht ein oder es ist nicht alles scharf. Eins davon aber immer.

Aber genau um all das geht es. Es geht darum, sich unvoreingenommen auf Neues und Schräges einzulassen. Im Zufall die Qualität zu entdecken. Um die Spannung während des Wartens auf den entwickelten Film. Und um die Magie des ersten Blicks auf die belichteten Negative nach der Entwicklung. Darum im vermeintlich Falschen das Richtige und Gute zu finden und dann das richtig Gute.

Klar: Das alles klappt leider nicht immer, aber man hat einfach mehr Anekdoten zu erzählen, an den dem Urlaub nachgelagerten Dia-Abenden, die es zum Glück heute leider nicht mehr gibt. Aber das ist eine andere Geschichte.

9 Reaktionen zu “Mit Diana und Holga auf Rügen”

  1. Christoph

    Danke für diesen Text und die zauberhaften Bilder! Es ist der Zauber der der Symbiose von Text und Bild innewohnt der mich bei der Lektüre dieses Blogs Urlaubsgefühle – vollkommen undebile – empfinden lässt. Kurzerholung im Büroalltag!

  2. thomas

    „Vielen Dank, Christoph,“ murmelte leicht errötend der Autor und machte sich ans nächste Werk.

  3. Alex

    thomas, super, du hast es wieder getroffen. dieses warme gefühl aus analogen zeiten. mit phantastischen motiven, die vor nicht allzu langer zeit noch im müll gelandet wären, die aber heute geradezu innovativ und herzerwärmend „neuartig“ daher kommen! ich muss mir´n taschentuch holen…

  4. thomas

    Vielen Dank, Alex.Was macht deine Pocket-Kamera?

  5. Alex

    pocketkamera?! ach die! die hab ich dem eigentümer zurückgegeben und ihrem schicksal überlassen. es wird wohl auf ewig ein geheimnis bleiben, was sich auf dem film alles gefunden hat. die geister des lichts…

  6. Thomas Hönscheid

    Den Zauber der Ostsee einzufangen, haben schon viele versucht. Und dann auch noch den Spätsommer! Tollkühn. Umso unglaublicher: Es ist gelungen.

    Herrlich anzuschauen! Man ist dabei, beim Labskaus.

  7. thomas

    Danke, Thomas

  8. wolfgang

    oh ja! wunderbare aufnahmen (und, es wurde ja bereits geschrieben: ein schöner text dazu)!
    da wird’s einem ja trotz volldigitaler übermittlung zum arbeitsplatz noch warm um’s herz. fast so, als ob man beim grog-trinken dabei wäre.
    schade eigentlich, dass es die kaum mehr gibt – das wäre doch mal was: beim diaabend bin ich dabei!

  9. thomas

    Danke, der Herr. Aber Diaabende sind so eine Sache. An eine solche Veranstaltung erinnert trefflich Geschichte vom kleinen Nick. Sie heißt „Die Spanienreise“ und befindet sich im Band „Neues vom kleinen Nick“. Und das ist eine ganz prima Geschichte. Weil die hat nämlich der Goscinny geschrieben und hat dabei getan, als wäre er der kleine Nick. Die Zeichnungen vom Sempé findet der kleine Nick nicht so prima, weil die sind nämlich Schwarzweiss. Klar? Prima.


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