Eine Geschichte zweier Photographien.

Wer jetzt denkt, Charles Dickens lässt grüßen, irrt nicht. Denn wie im Buch des irischen Literaten ging es auch im Falle der Fotos um zwei Konkurrenten. Und letztendlich blieb auch hier einer der Rivalen auf der Strecke. Hier ist ihre Geschichte.

Zwischen 1977 und 1980 – also lange nach den zweiten Weltkrieg – absolvierte ich eine Ausbildung zum Gehilfen/Gesellen im Fotografenhandwerk. Das war eine Zeit, in der Lehrer noch Einschusslöcher aus Stalingrad in der Schulter zu haben hatten, besonders originelle Dumpfbacken langhaarige Jungs mit Fräulein anredeten, junge Frauen begannen, sich dagegen zu wehren ebenfalls als Fräulein tituliert zu werden und aufgeschlossene Zeitgenossen sich noch fragten, ob Neger abfärben, wenn man sie denn, Gott behüte, berührte (alles tatsächlich erlebt und Neger waren damals keine Farbigen; spart euch also die Proteste). Und als Auszubildender hatte man gefälligst die Fresse zu halten und Staub zu saugen. Außerdem musste man ein so genanntes Berichtsheft führen. So auch ich. Darin dokumentierte ich, mit was ich so beschäftigt war (Staubsaugen sollte ich übrigens nicht eintragen). Zusätzlich musste ich praktische Aufgaben erfüllen (außer Staubsaugen), die mein fortschreitendes Können auf die Probe stellen sollten. Jetzt hatte ich einen Baum knipsen. In schwarz-weiß, versteht sich. Bunt war zu teuer.

Dazu drückte mir der Chef gleich Mal die Erstausgabe des Buchs „Bäume“ mit Fotografien des neu-sachlichen Renger-Patzsch in die Hand. Damit gliederte sich der erste Teil meiner praktischen Aufgabe in Ansehen, Gut-finden und als Vorbild für mein Foto abspeichern. Von Abweichungen war bei der Umsetzung gefälligst abzusehen.

Im zweiten Teil galt es dann, einen geeigneten Baum zu finden. Also sattelte Fräulein Hobein in der Mittagspause seine Zündapp KS 50 watercooled, stülpte den matt silbernen Integral-Helm über die schulterlange Mähne und knatterte suchend durch das Weserbergland. Zwei getaktetes Natur-Casting mit bis zu achtzig Stundenkilometer.

Alsbald wurde ich unweit des noch ganz frischen AKW Grohnde fündig. Ein Paar Trauerweiden am Ufer der Emmer, ein Nebenfluss der Weser, schwang drohend die Äste als ich mich näherte. In geradezu geisterhafter Zweisamkeit bedeuten sie mir, mich doch sofort vom Acker zu machen auf dem ich stand. Doch ich, noch ganz geprägt vom revolutionären Geist der Siebziger, leistete Widerstand. Ich legte meine Canon EF auf die Burschen an und drückte rücksichtlos ab. Anschließend ritt ich recht zufrieden auf meiner Zündapp weiter nach Westen.

Canon EF, 35mm, 125/s, Blendenautomatik,  135er Kodak T-Max, entwickelt in Atomal ff

Canon EF, 35mm, 125/s, Blendenautomatik, Kodak T-Max, entwickelt in Atomal ff

Kurze Zeit später entwickelte ich den Film. Nur noch vergrößern, dachte ich. Dachte ich wirklich. Weit gefehlt. Inzwischen hatte mein Chef sich überlegt, dass ich eher mittelformatmäßig in den Wiesen östlich von Bad Pyrmont unterwegs zu sein hätte. Das war auch schnell zu Fuß erreichbar, so gleich nach dem Staubsaugen.
So lud ich dann die Rolleiflex mit einem Agfa Pan 100, schnappte den Gossen Belichtungsmesser namens Lunasix und machte mich auf den Weg. Zurück blieb ein matt silberner Integral-Helm.

In den Wiesen angekommen, sah ich mich stante pede umringt von Hochgewächsen, die  geradezu bäumische Prachtburschen waren. Bäume, wie sie zu sein hatten. Kräftiger Stamm, lückenlos beblättert, gnadenlos in die Vorstellung von einem ordentlichen Baum  passend.

Ich wählte wenig kritisch, aber entschlossen nassforsch einen aus, stellte die Belichtungswerte fest, fokussierte und schoss. Dann machte ich auf den Weg zurück zum Integralhelm. Zuvor ging es aber ins Labor. Der entwickelte Rollfilm bewies, dass der Lunasix ein wirklich zuverlässiger Kerl war.

Rolleiflex 2.8F, 80mm Heidosmat, 125/s Blende 8,  120er Agfa Pan 100, entwickelt in Atomal ff

Rolleiflex 2.8F, 80mm, 125/s, Blende 8, Agfa Pan 100, entwickelt in Atomal ff

So, nun gab es also die Photographien zweier Bäume. Mein Chef fragte mich, welches das bessere Bild sei. Ich entschied mich – selbstverständlich – für die Trauerweiden. Er antwortete, dass es meistens zwei Möglichkeiten im Leben gäbe. Richtig und falsch. Dann klebte ich das Bild der Buche, wenn es denn eine ist, in mein Berichtsheft. Vorher jedoch musste ich die Vergrößerung noch kontern, d.h. spiegelverkehrt vergrößern, damit der Prachtkerl noch prächtiger wurde. Und die Weiden fristeten ein Dasein als Negativ in meinem Archiv und sind hier erstmals  als Bild zu sehen.

Epilog: Meine Diplomarbeit besteht aus Fotografien von Bäumen meiner Wahl, fotografiert auf Polaroid SX-70, was für meinen Chef vergleichbar mit dem Lesen von Micky Maus Heften war (Originalzitat) und Renger-Patzsch finde ich immer noch gut.

2 Reaktionen zu “Eine Geschichte zweier Photographien.”

  1. Dieter

    „… und Renger-Patzsch finde ich immer noch gut“ … Micky Maus ist aber auch nicht schlecht 😉
    Gruß Dieter

  2. thomas

    Genau


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