Die ganz neue Saftigkeit

oder von der neuen Hauptwortigkeit des Wie-Wortes

Texte und Fleisch haben eins gemeinsam – sie müssen saftig sein. Und gut gewürzt. Wer sie zubereitet, muss mögen, was sie tut. Und er auch. Ansonsten geht beides voll in die Hose. Und zwar nicht erst hinterher. Trotzdem wird uns stetig Unsägliches vorgesetzt. Probehäppchen gefällig?

 

Es ist angerichtet

Bleiben wir bei dem Adjektiv „saftig“. Einige von euch werden sich an eine Zeit erinnern, als Fleisch saftig und zart war. Diese Zeit ist längst vorbei. Heute ist Fleisch nicht mehr saftig; es besitzt Saftigkeit. Und wenn es gut ist – also so qualitätsmäßig –, dann, ja dann besitzt es sogar Zartheit.

Fleisch besitzt aber nix – nicht mal Fasern, Fett und Blut. Aus denen besteht es, jedenfalls wenn es nicht gerade aus der Fabrik von Tricatel stammt. Denn der verarbeitet ja bekannter Maßen kein Fleisch von hoher Qualität, ja nicht mal Fleisch.

Bratkartoffeln überzeugen trendige Esser heute übrigens durch ihre Knusprigkeit, so es dem Koch gelungen, selbe zu erzeugen. Knusprig dagegen dürfen sie aber auf keinen Fall sein, dann schon eher kross.

Oder sind wir schon ein Stück weiter und die Kartoffeln besitzen Krossigkeit wenn sie in denn der Pfanne ihr Fett weg gekriegt haben? Aber vielleicht sind sie ja demnächst auch erst so richtig gut, wenn sie krosstös sind oder gar eine schöne Krosstösigkeit besitzen. In der deutschen Sterneküche könnte man dann in gehobenem Fach-Denglisch über die Crosstösizität (engl. wahrscheinlich crosstisity) schwadronieren. Dann aber – dann könnt ihr mich endgültig mal krossweise.

 

Ich spreche kein Englisch, dafür ist mein Deutsch aber nicht so gut

Wenn wir schon beim Grammatik-Transfer aus dem Englischen ins Deutsche sind:

Nix macht Sinn, Leute, gar nix. Es kann aber durchaus etwas sinnvoll sein oder Sinn ergeben. Ich dagegen ergebe mich aber nicht, denn das würde ja keinen Sinn machen wäre ja sinnlos. Und in diesem Zusammenhang: Ich weiß echt nicht, was Leute nehmen, die behaupten, sie nehmen Risiko (I take the risk) – ich nehme jedenfalls lieber das Filet, das ist nämlich saftig. Da riskiere ich lieber nichts.

Einige sprachlich mäßig begabte Sportreporter unterstellen Sportlern ja auch immer häufiger, dass sie Risiko gehen, wenn sie, um ihre Chancen zu wahren, ein Risiko eingegangen sind. Aber das geht ja nun überhaupt nicht.

 

So, jetzt aber mal hökschte Konsischtens

Das aktuelle Lieblingswort aller kulinarischen Wichtigtuer ist unangefochten die Konsistenz. Die beschreibt laut Duden „Grad und Art des Zusammenhalts eines Stoffes“, kulinarisch also die Matschigkeit eines Gerichtes.

Ein Risotto zum Beispiel hat von der Konsistenz her eine schöne Schlotzigkeit zu besitzen. Erst dann ist es als konsistenzmäßig gelungen zu betrachten, so rein fachlich gesehen.

Es ist allerdings zu beachten, dass sich so einige Kochdödel auf der nach oben und unten offen Schlotzigkeits-Skala während ihrer Bewertung eines Risottos in unerschütterlicher Selbstverliebtheit austoben. Und dabei kommt es Urteilen, die wie folgt klingen: „Das Risotto überzeugt mich von der Konsistenz her nicht so. Irgendwie erwarte ich eine andere Schlotzigkeit.“ Ah ha, mag da der total beeindruckte Zuschauer denken.

(Exkurs: MS Word stuft „konsistenzmäßig“ übrigens als richtig geschrieben ein, was ich programmiermäßig eher als mäßig einstufe.)

 

Alles Quatsch mit Soße

Einst sah ich mich gezwungen (hat aber auch mächtig Spaß gemacht) für die Fertig-Soße eines Schweizer Konzerns zu werben.

Es handelte sich um eine Tomaten-Soße, gemacht für Torfnasen, die glauben, dass ein Produkt nicht aus einem Labor voller verrückter Wissenschaftler stammen kann, nur weil es einen italienisch klingenden Namen erfunden bekommen hat.

Wie dem auch sei. Als herausragender Vorteil dieser soßen-ähnlichen Masse sollte gegenüber der marktbegleitenden Konkurrenz ihre Stückigkeit herausgearbeitet werden – ehrlich jetzt. Stückigkeit? Dieses Wort verursacht ja schon Aussprechen akuten Brechreiz.

Erinnert euch an eure Kindheit. Hättet ihr Sandkasten oder Bolzplatz so zügig verlassen, wenn eure Mutter nicht Miracoli gerufen hätte, sondern versucht hätte, euch durch eine italienische Tomaten-Soße ins Haus zu locken, die durch eine herausragende Stückigkeit überzeugt? Ich glaube, eher wohl nicht.

 

So, jetzt habt ihr den Salat

Vielleicht zaubert Dressing-Man Alexander Herrmann ja noch einen schönen Dressing dazu, den macht der nämlich gern, der Herr Herrmann. „Das“ sei hier noch angemerkt.

Und dass es jetzt das zweite Mal war, dass ich über das Gesabbel von Fernsehköchen, mediengeilen Hobbyköchen und ähnlich Sprachverwirrten schreibe. Und auch, dass noch längst nicht alles gesagt ist.

Es sei aber auch nicht verschwiegen, dass es Köche gibt, denen die sprachlichen Defizite ebenfalls auffallen. Ein Beispiel: Während so Dampfkochtopf-Plauderer wie Mario Kotaska und Nelson Müller in der ZDF-Küchenschlacht immer noch „Oanträkoh“ zubereiten, eröffnet Ralf Lohse seine Kritikrunde erst mal ganz locker mit der Information, wie man Entrecote korrekt ausspricht. Ha, sage ich da. Ha.

Ob der besser kocht als die anderen weiß ich nicht, aber er spricht besser darüber. Denn der weiß sogar, dass eine Panierung nicht Panade heißt. Das wusste nicht mal ich. Aber was weiß ich denn schon?

In diesem Sinne: Likörchen?

(Beim Schreiben u.a. gehört: „Mercy“ von Duffy)

 

2 Reaktionen zu “Die ganz neue Saftigkeit”

  1. Christoph

    Mercy reicht nicht – die wichtigste Information ist doch immer, was Dich von der Konzentration her so auf die Stange gehalten habt – also musikmässig. Bitte ergänzen… bin gierig – neugiereig

  2. thomas

    Na ja, es ist tatsächlich so, dass ich oft einen Titel immer wieder höre, aber klar – einer reicht nicht. Zumal ich diesen Text nicht in einem Rutsch geschrieben habe; eher so in drei bis vier Rutschen.

    Aber zur Antwort: Neben „Mercy“ von Duffy, waren es Mas Quer Nada“ von Sergio Mendes (feat. Black Eide Peas), Amy Winehouse und „A Little Less Conversation von Elvis Presley – also alles Reminiszenzen an die Sixties


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