Der Trompeter auf der Eisscholle

Das Weserbergland ist voller Geschichten, die von historischen Ereignissen und Gestalten erzählen. Aber auch voller Geschichten, die uns am Schicksal Unbekannter teilhaben lassen. Diese ist eine davon.

Winter-Nacht

„Wenn es am schönsten ist sollte man gehen.“

Der Soldat sah sich noch einmal um. Überall wurde gelacht, getrunken, gesungen und getanzt.

„Dieses Fest ist noch lange nicht vorbei“, dachte er bei sich. „Nur für mich. Oder die Arrestzelle wartet schon, wenn ich ins Lager komme.“

Er trat hinaus in die winterliche Nacht und war erstaunt. Ein lauer Wind empfing ihn. Zu warm für diese Jahreszeit. Von den Eiszapfen an den Dächern tropfte das Tauwasser. Aber er machte sich keinen Kopf und lief zügig auf die Weser zu. Denn das Lager seiner Einheit lag am anderen, am linken Ufer in Grohnde.

Schnell hatte er die Weser erreicht. Es war nicht mehr weit bis Grohnde. Und auf der anderen Seite des Flusses konnte er schon die einladenden Lichter des nächtlichen Lagers sehen. Dennoch blieb er am Ufer wie erstarrt stehen.

Vor Stunden hatte er problemlos den zugefrorenen Strom zu Fuß überquert, um auf dem Fest für einige Stunden das Soldatenleben hinter sich zu lassen. Jetzt brach das einsetzende Tauwetter die geschlossene Eisdecke der Weser laut krachend auf. Und die Strömung trieb wild die geborstenen Schollen vor sich her. Wie sollte er jetzt zurückkommen?

Aber da Mut und Leichtsinn nicht weit voneinander entfernt wohnen, fasste er schnell einen Entschluss. Schließlich war er Trompeter des hannoverschen Garde du Corps Regiments. Jeder Ton, der sein Horn verließ, lenkte ganze Kavallerieeinheiten. Was war da schon der Ritt auf einigen Eisschollen.

Fest umfasste er die Trompete, die ihn schon auf so vielen Abenteuern begleitet hatte und sprang auf die erste, größere Eisscholle, die an ihm vorübertrieb. Von da machte er einen Satz auf die nächste. Und so ging es weiter bis der Soldat die Mitte des Stromes erreicht hatte.

Dort war er auf einer kleineren Scholle angelangt, von der aus er keine andere mehr erreichen konnte. Jetzt trieb er inmitten der schwarzen Fluten stromabwärts durch die Nacht.

Den unvermeidlichen Untergang vor Augen, setzte er sein Horn an und begann zu spielen. Traurig und trotzig zugleich erfüllte das Lied das Tal bis in die Nähe von Hagenohsen. Dort zerbarst die Scholle und das Instrument verstummte.

„Wenn es am schönsten ist sollte man gehen.“

 

 

Anmerkungen:

Ich weiß nicht, ob diese Geschichte wahr ist. Aber ich habe sie mir nicht ausgedacht, nur frei nacherzählt. Motiviert die Geschichte zu schreiben haben mich im Wesentlichen zwei Punkte.

Die Fakten dieser Begebenheit sind überraschend präzise in den Quellen geschildert, obwohl keine Zeugen erwähnt sind. Hier einige Beispiele:

1. Das hannoversche Garde du Corps Regiment existierte 1816 von bis 1866. Zu dieser Zeit gehörte Hameln und die umgebenden Ortschaften zum Königreich Hannover. Also muss sich das Ereignis in diesem Zeitraum zugetragen haben.
2. Der Hornist soll das Lied „Fahr wohl, oh Welt“ gespielt haben. Wer hat das gehört?
3. Hagenohsen wird als Ort des Untergangs geschildert. Wer hat das gesehen?

Diese stille, eher introvertierte Geschichte spielt sich wenige Kilometer stromaufwärts von Hameln ab – erstaunlicherweise genau in einer Gegend, wo die Geschichte immer wieder Spuren ihrer  ganzen Brutalität hinterlassen hat.

1. Um 800 soll Karl der Große seinen erbittertsten Gegner, den Sachsen Widukind, in Ohsen Gefangen eingekerkert haben.
2. Am rechten Ufer der Weser liegt der Bückeberg – Schauplatz der berüchtigten Reichserntedankfeste im Dritten Reich.
3. Und schließlich spielte unserer Trompeter auf seiner Eisscholle „Fahr wohl, oh Welt“ an der Stelle, an der am 30. Mai 1977 die „Schlacht um Grohnde“ zwischen Kernkraft-Gegnern und der Polizei tobte.

 

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  1. erwin

    traurig, irgendwie.

    ehedem selbst trompetend blieb mir so etwas erspart. meinem umfeld – aufgrund meiner begrenzten begabung – auch.
    beim lesen kam mir folgendes in den sinn: http://de.wikipedia.org/wiki/Frogger

  2. Ich kann mich dunkel an Frogger erinnern. Aber der Frosch hatte bestimmt mehrere Leben im Gegensatz zum Trompeter.

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